Ein Winterwochenende in Zinnowitz auf Usedom

Nach Zinnowitz fährt man im Sommer. Wenn die Strandkörbe zum Sonnenbaden einladen und die volle Strandpromenade nach Eis und gebackenem Fisch riecht. Im Winter ist der Strand leergefegt und die Promenade verlassen. Genau richtig für alle Meersüchtigen mit Wunsch nach Ruhe und Entspannung. Wäre da nicht diese verrückte Weltmeisterschaft, die den kleinen Küstenort im Winter zum Kopfstehen bringt.

Pechschwarze Finsternis begrüßt mich, als ich am Freitagabend gegen 21:00 Uhr leicht Stau-lädiert auf der Sonneninsel Usedom ankomme. Die Nacht ist tiefschwarz, das Himmelszelt strahlend hell, vollgestopft mit Millionen von Sternen. Die Inselbewohner scheinen eine Vorliebe für Sternenglanz zu haben, denke ich, als ich die kleine (und einzige) Hauptstraße des Ostseebades Zinnowitz entlangfahre, um mein Hotel zu suchen.

Rechts und links der gepflasterten Straßen verziert eine glitzernde Weihnachtsbeleuchtung die winterkahlen Bäume. Ich überlege kurz, ob ich mich irgendwie in der Zeit vertan habe. Doch nein, wir haben Ende Januar, da bin ich mir ganz sicher. Und – Weihnachten ist definitiv vorbei. Ich beschließe, das Glitzer-Glitzer-Willkommen von Zinnowitz als romantisch einzustufen und lenke meine Aufmerksamkeit auf das Finden der richtigen Hausnummer.

Menschenleer ist die kleine Hauptsraße von Zinnowitz im Winter

Kein Anreisestress im Winter

Das ist nicht weiter schwierig, denn zum einen ist die Straße recht kurz und zum anderen bin ich allein auf weiter Flur. Andere Autos: Fehlanzeige. Fahrräder: ebenso nicht anwesend und Fußgänger sehe ich – Moment – auch keinen. Wäre ich gerade zur selben Zeit auf den Kölner Ringen, hätte ich mit meiner Schleicherei bereits ein aggressives Hupkonzert verursacht. Wie gut, dass ich in Zinnowitz bin. So ist schon die Ankunft extrem stressfrei an diesem dunklen Januarabend auf der Ostseeinsel Usedom.

Info über Usedom

Usedom ist die östlichste Insel Deutschlands und nach Rügen die zweitgrößte der Bundesrepublik. Mit dem Festland ist sie durch die beiden Brücken in Wolgast und Zecherin verbunden. Ihren Ruf als Sonneninsel verdient sie sich durch satte 2.000 Sonnenstunden im Jahr. Die Insel unterteilt sich geographisch in einen Nord- und einen Südteil, die durch eine schmale Landzunge verbunden sind. Nur ca. 100 Meter breit ist die schmalste Stelle von Usedom. Besonders attraktiv für Meerliebhaber und Strandspaziergänger sind die kilometerlangen weißen Sandstrände der Insel, an denen sich auch die vier bekanntesten Ostseebäder Zinnowitz, Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck entlang reihen. Sie präsentieren sich stolz in Form der alten Bäderarchitektur, die einen in die Zeit der Sommerfrische zurückversetzen. Wenn man hier für einen Moment die Augen schließt, kann man sie noch sehen, die gepuderten Damen in eleganten Kleidern, die leise plaudernd auf der Strandpromenade entlang flanieren. Den betuchten Sonnenschirm über das blasse Gesicht haltend. Während spitzbärtige Herren mit der Zigarre in der Hand leicht den Zylinder zum Gruß lüften. Wer auf Usedom urlaubt, kann sich kaum diesem Zauber entziehen. Auch nicht im Winter.
Mehr über die Bäderarchitektur könnt Ihr hier lesen:
kaiserbaeder-auf-usedom

Wunderschöne Bäderhausarchitektur

Ein Wintermorgen in Zinnowitz

Samstagmorgen. 07:00 Uhr. Strahlender Sonnenschein, eisblauer Himmel und klirrende Kälte erwarten mich. Imposante Villen verziert mit Stuck und Schmuck strecken stolz die spitzen Dächer in den eisblauen Himmel, beherbergen bunte Geschäfte, Cafés und Restaurants. Dazwischen blitzt ab und zu nostalgisches DDR-Grau hervor, was irgendwie skurril und authentisch zugleich wirkt. Ich brauche dringend Kaffee und entdecke eine kleine Bäckerei, die schon geöffnet hat.

Herzliche Insulaner

Statt frisch gebrühten, dampfenden Inselkaffee bekomme ich leider nur einen mitleidigen Blick der rotwangigen Bäckereifachverkäuferin und die herzlichen Worte „Kaffeemaschine is kaputt“. Mit gekreuzten Armen lehnt sie sich weit zu mir über den Tresen und nickt mit dem Kopf etwas unklar möglicherweise nach links: „Immer da die Straße runter. Auf der rechten Seite dann. Finden Sie schon.“ Die Insulaner scheinen nicht verschwenderisch mit Worten zu sein. Ich mache mich auf den Weg in Richtung „da die Straße runter“. Zehn Minuten später halte ich einen herrlich heißen und sehr leckeren Milchkaffee in meinen kalten Händen.

Seebrücke von Zinnowitz auf Usedom

Mit dem Kaffee in der Hand schlendere ich über die Strandpromenade zum Meer. Das Erste, was ich sehe ist ein atemberaubendes Küstenpanorama. Eisblau liegt die Ostsee vor mir und in der Mitte erstreckt sich die 315 Meter lange Seebrücke von Zinnowitz. Man kann gar nicht anders, als die Brücke mit dem Namen „Vineta“ entlang zu wandeln. Sie zieht einen magisch raus aufs Meer, schürt die Sehnsucht und lässt mich Ausschau halten nach einem Boot, das mich mit auf seine Reise nimmt.

Tauchgondel in Zinnowitz

Am Ende der Brücke befindet sich eine futuristisch anmutende Tauchgondel. Sie ist die erste erbaute ihrer Art und wurde im Juli 2006 eröffnet. Der Prospekt verspricht dem Besucher 3D-Kino unter Wasser. 24 Menschen und zwei Besatzungsmitglieder können gemeinsam etwa vier Meter unter die Wasseroberfläche abtauchen und den Lebensraum Ostsee erkunden. Natürlich ohne dabei nass zu werden. Auch bestehe keine Gefahr von Seekrankheit, verspricht der Veranstalter. Ich selber kann mir dieses Vergnügen leider nicht gönnen, denn die Gondel ist bei meinem Besuch aus technischen Gründen geschlossen. Ganz sicher ist sie aber einen Besuch für Groß und Klein wert, um die Ostsee mal von unten aus zu erleben.

Mehr Infos: http://www.tauchgondel.de/tauchgondel-zinnowitz.html

Unsanft werde ich von einem dreckigen Lachen aus meiner Phantasie geholt. Zwei Möwen haben es sich auf dem Gelände der Brücke gemütlich gemacht und scheinen mich hämisch auszulachen. Ich fühle mich wie in der Muppets-Show, strecke ihnen die Zunge raus und gehe zurück zum Ufer.

Freche Möwen kontrollieren die Ostsee

Endlos sanfte Küstenkurven

Die Ostsee ist heute Morgen ganz still. Glänzend zeigt sie sich in dem frühmorgendlichen Sonnenstrahlen sanft und friedlich. An dem blauen Farbspiel kann ich mich einfach nicht satt sehen. Eine hölzerne Treppe führt direkt runter zum Strand. Der feine weiße Sand ist gefroren, so dass ich aufpassen muss, nicht auszurutschen. Den Blick auf die sanften Küstenkurven gerichtet, marschiere ich stramm eine halbe Stunde am Strand entlang. Die See schwappt leise auf den Strand. Möwen fliegen kreischend durch die Luft, der Ostseewind beißt ins kalte Gesicht. Die Sonne strahlt von einem knallblauen Himmel. Gehen möchte man hier. Immer weiter und weiter. Nichts steht im Weg, nichts hält auf, nichts stört. Der Blick macht den Kopf frei, die Bewegung bringt den Körper in Schwung und mit jedem Schritt spüre ich neue, frische Energie.

Weltmeisterschaft im Strandkorbwettrennen

Nach meinem Strandspaziergang und einem späten Frühstück mache ich mich auf den Weg zum Strand links neben der Seebrücke. Dort findet heute das Strandkorbwettrennen statt, das jedes Jahr im Rahmen des Usedomer Winterstrandkorbfestes Ende Januar in Zinnowitz stattfindet und eine wirklich lustige Angelegenheit ist. Erfunden hat es Mayk Borchard, der im normalen Leben Strandkörbe vermietet.

Vermutlich kommt man im Laufe eines Strandkorbvermieterlebens zwangsläufig irgendwann einmal auf den Gedanken, lieber andere Menschen die schweren Dinger schleppen zu lassen. Warum da nicht gleich eine Weltmeisterschaft draus machen und die eigene Vergnügungslust solidarisch mit anderen teilen? Ob meine Vermutungen zutreffend sind oder nicht, ich betrete mit Spannung das „Festgelände“ am Strand. Die Gäste werden gut versorgt mit Rauchwurst und Fischbrötchen. Der heiße Glühwein lässt einen die Kälte vergessen.

Arena der Strandkorbwettrenner

 

Das Meisterschaftsfeld ist recht überschaubar, aber mit viel Mühe liebevoll gestaltet. Ein Ort für echte Helden eben. Eine schmale Tribüne säumt die zwei Seiten der Rennbahn, auf der sich die Zuschauer schon lange vor Beginn eng aneinander drücken. Jeder will den besten Blick ergattern. Das Fernsehen ist auch da und bringt die Kameras in Stellung. Siegerlächeln wollen schließlich gefilmt werden. Pünktlich um 14 Uhr schreitet der junge Bürgermeister in die Arena, um die jubelnde Masse euphorisch zu begrüßen und sie gleichzeitig von den verbotenen Dünenplätzen zu verscheuchen. Küstenschutz geht hier vor Vergnügungslust und das ist auch gut so.

So ein Strandkorb ist nicht schwer

Nur ein Frauenteam hat sich an den Start getraut. Zierlich wirken sie im Angesicht des 60 Kilogramm schweren Strandkorbs. Noch zierlicher im Angesicht ihrer stattlichen männlichen Konkurrenz. Doch wild entschlossen ergreifen die Damen den Griff des Korbes. Bereit, alles zu geben. Schon ist es soweit. Die Startklappe fällt. Der Jubel des Publikums brandet auf. Feiner Ostsee Sand wirbelt wild durch die Luft, zwei weiße Strandkorbschönheiten heben ab und schweben für einen kurzen Moment über die maritime Rennstrecke bis sie unsanft auf der Ziellinie abgeworfen werden.

Die Mädels kämpfen

 

So vergeht die Zeit kurzweilig mit weiteren Läufen, während sich die Sonne langsam hinter die Dünen senkt und die winterliche Kälte in alle Glieder krabbelt. Es hat sich gelohnt, dieses außergewöhnliche Spektakel zu besuchen. Doch jetzt ist mir eiskalt und ich brauche einen heißen Tee.

Tipp: Strandkorbrennen auf Usedom.

Jedes Jahr am vierten Wochenende im Januar.
https://www.ostsee.de/insel-usedom/winter-strandkorbfest.html

Es versteht sich von selbst, dass nach einem kalten Ostsee-Tag erst einmal aufwärmen angesagt ist. Das kann man ganz wunderbar in einem der vielen Lokale in Zinnowitz. Hier ist für jeden Geschmack etwas dabei. Vom klassischen Fischteller bis zur Pizza ist alles zu finden. Die Lokale sind in dieser Jahreszeit nur wenig besucht, doch es herrscht eine freundliche und gemütliche Stimmung. Von dem quirligen Wirrwarr und Tohuwabohu, das hier vermutlich im Sommer herrscht, ist jetzt nichts zu spüren. Still legt sich die Finsternis über das Meer. Stockfinster mit exklusivem Sternenglanz.

 

In dieser Nacht schlafe ich tief und fest. Erschöpft, zufrieden und glücklich. So ein Tag auf Usedom macht den Kopf frei und das Herz weit. Der Blick auf das Meer, die endlose Weite des Horizonts gepaart mit der Winterstille bewirken bei mir eine große innere Ruhe und Zufriedenheit. Am Sonntagmorgen verlasse ich etwas wehmütig das kleine Badeörtchen und fahre weiter östlich. Es geht nach Koserow, eine der ältesten oder gar die älteste Siedlung von Usedom.

Koserower Salzhütten

Gleich nach dem Ortsschild gibt ein großer Parkplatz auf der rechten Seite Hinweis darauf, dass es hier wohl etwas Besonderes geben muss. Und das stimmt auch, denn an dem kleinen Küstenort direkt am Meer stehen zahlreiche kleine Hütten mit reetgedeckten Dächern wie in einem Miniaturdorf zusammengewürfelt.

Salzhütte in Koserow auf Usedom

Die Koserower Salzhütten sind Teil der Usedomer Inselgeschichte. Bis ins späte 19. Jahrhundert waren die Insulaner außerordentlich arm und auf den Fischfang als Lebensgrundlage angewiesen. Sie fischten vor allem Hering, der für die Haltbarkeit eingesalzen und in Holzfässern gelagert werden musste. Der Staat schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts vor, dass das Einsalzen sofort nach dem Fang am Strand zu geschehen hatte. Um die Fischer zu unterstützen, stellte der preußische Staat zu diesem Zweck Steinsalz steuerfrei zur Verfügung. Gelagert wurde das Salz in den eigens dafür gebauten Salzhütten. Als im frühen 20. Jahrhundert das Konservierungsverfahren in Dosen eingeführt wurde, verfielen die Salzhütten. Heute stehen sie unter Denkmalschutz.

 

In Koserow beherbergen die Hütten heute unter anderem ein Restaurant und ein kleines Museum, was leider Betriebsferien hatte, als ich da war. Ich kann mir gut vorstellen, dass es hier im Sommer wunderschön ist und man sich gemütlich auf eine der Holzbänke setzen kann, um seinen frisch geräucherten Fisch zu genießen.

Weitere Infos
zu den Koserower Salzhütten:

http://www.koserower-salzhuette.de/index.html

Mein Winterwochenende auf Usedom geht zu Ende. Auf der Heimreise mache ich noch einen Abstecher ins Hinterland zur alten Holländerwindmühle in Benz. Sie wurde 1830 erbaut und war bis 1972 in Betrieb. Das kleine Örtchen Benz liegt am Sonntagnachmittag im Winterschlaf. Niemand lockt es bei der Kälte vors Haus, so dass ich die lange Treppe den Mühlenberg hinauf ganz für mich alleine habe. Riesig türmen sich 16 Meter Windmühle vor mir auf. Die jeweils 12 Meter langen Flügel stehen still, doch der Wind zerrt energisch an ihnen. Von hier oben habe ich einen herrlichen Weitblick. Hinunter zum Kirchturm des Ortes, über die sanft geschwungenen Felder.

Holländerwindmühle in Benz

Im Sommer kann man die unter Denkmal stehende Windmühle auch von innen besichtigen, was sicherlich lohnenswert ist. Vor allem, wenn man zum jährlich statt findenden Mühlenfest kommt. Dann kann man nämlich auch gleich vom frisch gebackenen Brot probieren. Heute ist auch das Backhaus fest verschlossen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist hier oben ein ganz besonderer Ort, an dem man nichts anderes hört als das Rauschen der Windmühlenflügel im Wind.

Nun muss ich aber wirklich los Richtung Heimat. Obwohl es nur zwei Tage waren, fühle ich mich erholt und nehme neben vielen wunderschönen Eindrücken den festen Willen mit: Usedom, ich komme wieder!

Ein kurzes Video zu meiner Reise findest Du hier: http://wp.me/p7cdmb-tm

 

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