Nachtsegeln im Solent

Leuchtturm Beachy HeadLeuchtturm Beachy Head
Möwen klein grauHundemüde aber glücklich sind wir, als wir um sechs Uhr morgens in Cowes auf der Isle of Wight in Südengland ankommen. Der Traum seit vielen Jahren liegt jetzt direkt vor uns. Es ist grau und leicht regnerisch. Hmm – die Bilder, die wir gesehen hatten sahen so ganz anders aus. Sonne, türkisfarbenes Meer wie am Mittelmeer, strahlend blauer Himmel. Das waren unsere Vorstellungen. Jetzt aber sieht es alles andere als freundlich aus. Grau und trist, windstill. Wir sind die Nacht über gesegelt.

Besser gesagt, die letzten paar Stunden unter Motor gefahren, der Wind schlief einfach ein. Dabei fing der Tag so herrlich an…

Yachthaven in Dover

Yachthaven in Dover

Hafenausfahrt Dover

Hafenausfahrt Dover

Wir legen am Vortag schon zeitig in Dover ab und wollen mal sehen, wie weit wir mit unserem Segelschiff heute kommen. Klar, Cowes war unser erklärtes Ziel, aber das wird wohl kaum an einem Tag zu schaffen sein. Der Tidenstrom im englischen Kanal ist für kleine Boote, wie wir es sind, Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil es fast unmöglich ist, gegen ihn anzufahren. Man segelt gute Geschwindigkeit, schaut man aber an Land, merkt man, das es kaum vorangeht. Segen, weil – zum richtigen Zeitpunkt unterwegs, man sehr schnell von A nach B kommt. Zur Bootsgeschwindigkeit kommt nämlich der Tidenstrom hinzu. Eigentlich also, kann man etwa sechs Stunden segeln, dann wird es schwierig. Aber wie weit man tatsächlich kommt, hängt unter anderem vom Wind ab. Stimmt Richtung und Stärke, geht es zügig voran.

Herz

Höfliches England

Und an diesem Tag stimmt einfach alles. Ich greife zum Funkgerät, stelle den Kanal 74 ein und rufe die „Dover Port Control“. Sofort ertönt eine höfliche Antwort der Port Control in allerfeinstem Oxford-Englisch, deutlich zu verstehen „good morning Sir, what can I do for you“. Ich erbitte eine Ausfahrtgenehmigung, die hier zwingend erforderlich ist. Es kommen riesige Schnellfähren an, mit denen nicht zu Spaßen ist. Aber im Moment ist alles frei und man erteilt uns ausgesucht höflich die Genehmigung zur Ausfahrt und wünscht uns einen schönen Tag. Ich liebe England.

Der Wind steht perfekt und bläst angenehm, gerade richtig um gute Fahrt zu machen, aber ohne kämpfen zu müssen. Die Sonne scheint von achtern. Es ist nicht kalt – jetzt erst mal frühstücken. Die Brote und der Kaffee werden nach draußen geholt und schmecken göttlich – kein Wunder bei dieser Kulisse. Hinter uns die Sonne, rechts von uns – eigentlich heißt es ja, an unserer Steuerbordseite – die weißen Klippen von Dover, backordseitig (links) reiner Horizont. Voraus unser Urlaub. Herrlich.

Steuer

Schnelle Fahrt mit Mondkraft

Wir sehen an den Instrumenten, dass es mit Hilfe des Tidenstroms über 10 Knoten sehr zügig Richtung Westen voran geht. Unglaublich, dass der Mond die Kraft hat, diese Wassermassen zu bewegen. Es geht vorbei an Folkstone und nach etwa 2 Stunden passieren wir bereits Dungeness. Die etwa 35km Seeweg, also knapp 19 Seemeilen gingen rasend schnell vorüber. Wir passieren Hastings und überprüfen unseren eigentlichen Plan, Eastbourne anzulaufen und in der Marina dort zu übernachten. Von Dover aus ist Eastbourne ungefähr 90 km, also knappe 50 Seemeilen entfernt. Das wären gerade mal fünf Stunden segeln. Da wir aber so gut vorankommen und perfektes Segelwetter ist, ändern wir unser Vorhaben und wollen weiter. Brighton geht auch noch mit insgesamt 66 Seemeilen – wir haben ja unser Ziel Cowes vor Augen und der Urlaub ist mit insgesamt 3 Wochen Dauer kurz für unsere Abenteuer.

Ein Leuchtturm im Dunst

Ein Leuchtturm im Dunst

Als wir an Eastbourne vorbei segeln, sehen wir etwas Tolles voraus. Ein Leuchtturm! Das muss Beachy Head sein. Der Blick auf die Karte bestätigt unsere Vermutung. Es ist trotz blauem Himmel leicht dunstig und wir sehen Beachy Head erst schematisch, beim Passieren werden die Farben immer kräftiger. Was für ein Bild! Steil abfallende Kreidefelsen und davor der wunderschöne Leuchtturm. Wir sind sehr angetan von diesem Seezeichen, das seit 1902 Schiffen den Weg zeigt und vor den Felsen warnt. Der Leuchtturm sieht klassisch aus, also rund, rot-weiß gestreift, ist 43m hoch und auf Fels gebaut.

 

Beachy Head in Annäherung

Beachy Head in Annäherung

Beachy Head vom Meer

Beachy Head vom Meer

Sussex Heritage

Die Küste hier ist einfach traumhaft. Weisse Kreidefelsen, steil abfallend ins Meer und obendrauf liegend in Wellenform eine Graslandschaft. Fast so als wollte die Landschaft das Spiel der Wellen im Meer nachahmen. Ein Fest für das Auge.

Sussex Heritage Coast

Sussex Heritage Coast

Küste von Sussex

Küste von Sussex

Ausruhen oder Nachtsegeln

Dann müssen wir uns entscheiden: Kurs Richtung Land in die Bucht von Brighton oder … sollen wir nicht einfach weitersegeln? Durch die Nacht zur Isle of Wight, in den Solent – dem Gewässer zwischen der Insel und der englischen Südküste? Wir rechnen, schätzen, wägen ab. Gegenstrom durch die Tide, Entfernung von gut 60 Seemeilen – wir müssten also mitten in der Nacht ankommen. Da das Wetter aber gut ist, der Wind angenehm weht und auch noch von der richtigen Seite, treffen wir die Entscheidung: direkt durch nach Cowes. Als es dämmert, lässt der Wind nach, der Strom schiebt uns zurück. Also Segel bergen und Motor an. So ungern wir das machen, besser als wieder zurück bis nach Brighton geschoben zu werden. Schade, die Ruhe ist vorbei, wir sind aber froh, den Flautenschieber zu haben.

Kompass

Verwirrende Lichter in der Nacht

Stunden später bei der Einfahrt in den Solent, es ist stockfinster, wir sind ziemlich müde, sehen wir viele Riesenschiffe, die unsere Fahrtrichtung queren. Große Frachter auf dem Weg nach Portsmouth, das unweit an der englischen Südküste liegt. In welche Richtung die nun wirklich fahren oder ob die Frachter vielleicht vor Anker liegen, lässt sich kaum feststellen. Die Schiffe sind beleuchtet wie Weihnachtsbäume mit hunderten von Lichtern. Die Suche nach einer roten oder grünen Navigationslaterne, die zeigen würde, welche Seite des Schiffs wir vor uns haben, ist schwierig. Zum Glück haben wir AIS an Bord. Das System zeigt Position, Fahrtrichtung und Geschwindigkeit der großen Pötte. Wir sehen auf dem Bildschirm was da vorne passiert. Man erkennt, dass ein Riesenschiff gerade wendet, daher die Verwirrung. Wir stoppen die Maschine und warten bis der Frachter weitergefahren ist. Dann wieder den Gashebel sanft nach unten und der Diesel treibt uns weiter voran. Etwas später beginnt der Morgen zu grauen. Das kann man wörtlich nehmen, denn der Himmel grau und es beginnt zu regnen. Aber als etwas später Cowes in Sicht kommt, sind alle Strapazen vergessen.

Angekommen in Cowes

Angekommen in Cowes

Wir haben es tatsächlich geschafft, unseren Traum wahrzumachen. Wir sind im Segelmekka angekommen. Jetzt eine kleine Mütze Schlaf nehmen und dann los, Cowes unsicher machen.

Den Bericht über Cowes lest Ihr bald hier.

L-Turm

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