Vom Nebel an der Küste oder wie ich mit den Ohren sah

Besonders im Winter ist es an der Küste oft neblig. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern richtig dicker Nebel, der so dicht ist, dass man ihn fast greifen kann. Ist das Leben an der Küste sonst geprägt durch die unverstellte Weite des Blickes, lässt der Küstennebel die Welt auf die Größe einer Weltraumkapsel zusammenschrumpfen. Die Ohren übernehmen das Sehen und der Blick konzentriert sich auf das Detail.

Es ist kurz nach acht Uhr an einem Samstagmorgen im Januar. Wie jeden Morgen trinke ich meinen ersten Kaffee im Schlafanzug auf dem Balkon. Bei sechs Grad plus ist die Wahrscheinlichkeit, wach zu werden, sehr hoch. Die Straßenlaternen sind gerade ausgegangen.

Irgendwer hat entschieden, dass wir nun genug Licht haben. Zu sehen ist trotzdem nicht viel. Dicker Nebel wabert über die Küste ins Land hinein und macht die Welt winzig klein. Mühsam bahnt sich das tiefe Dröhnen der Schiffsnebelhörner seinen Weg vom Meer durch die trübe Brühe über das Land. Irgendwo kreischen ein paar Möwen, nur ganz gedämpft rauschen einzelne Autos. Sonst ist es still. Nebelig still.

Dre kleine Piepmatz genießt die Stille genau wie ich

Die Welt ist wie in Watte gepackt, die Sinne verändern sich. Während die Augen zusammengekniffen einfach nur weiße Suppe sehen, sind die Ohren auf weit gestellt und hören schon das kleinste Geräusch. Ich kann das Meer nicht sehen, aber ich höre die Schiffe. Sie dröhnen um die Wette. Geben Signale „Achtung, hier bin ich“. Es scheinen heute einige unterwegs zu sein. Ich zähle schon den vierten Ton.

Was machen die Kapitäne jetzt, frag ich mich? Trinken sie ihren Kaffee schwarz und fluchen vor sich hin? Oder schauen sie einfach entspannt auf ihren Radar und schippern ihres Weges. Was kann man jetzt auf dem Wasser überhaupt noch sehen? Ich bin neugierig. Schnell kippe ich den letzten Schluck Kaffee hinunter, schlüpfe in Jeans und dicken Pullover, schnappe mir die Kamera und radle durch den Nebel runter zum Hafen.

Blaue Stille

Stille empfängt mich und angenehme Leere. Es ist noch zu früh, um hier Menschen zu treffen. Die Touristen werden erst in einigen Stunden den Hafen bevölkern. Die Arbeiter auf den Schiffen verkriechen sich lieber ins warme Schiffsinnere. Nur einer müht sich schon an Deck ab. Wirft mir ein müdes MOIN entgegen, zieht seine Mütze tiefer ins Gesicht und wendet sich seiner Arbeit zu. Ich grüße zurück und beschleunige meinen Schritt, um mir ein bisschen Wärme zu verschaffen. Es ist völlig windstill aber trotzdem kriecht die Kälte durch meine dicke Jacke. Nichts ist zu hören.

Blaue Stille im Nebel

Blauer Nebel und nordische Stille

Der Nebel schrumpft den sonst so weiten Blick auf wenige Meter zusammen. Im Nebeldunst liegen Schiffe ruhig wie schlafende Prinzessinnen. Alles wirkt unwirklich wie in einem Stummfilm aus vergangenen Zeiten. Was ich nicht sehe, höre ich umso deutlicher. Irgendwo rechts von mir brummt der monotone Motor eines Schiffes. Es hört sich so an, als müsste es ganz nah sein. Ich kneife die Augen zusammen und versuche, irgendetwas zu erkennen. Aber außer graublaues Nichts sehe ich nichts. Es dauert einige Minuten bis das Motorengeräusch lauter wird. Plötzlich bricht ein winzig kleiner Fischkutter durch die Nebelwand. Klein, unscharf, unwirklich. Ein Fischer lehnt an der Reling, hält entspannt seine Kaffeetasse und hebt den Arm zum Gruß. So schnell wie er aufgetaucht ist, ist der kleine Kutter auch wieder im Nebel versunken.

Plötzlich taucht ein Kutter aus der Nebelwand auf

Unwirklich. Ein Fischkutter im Nebel

Kaffee im Nebel für den Fischer

Es tut gut, die Welt so zu verkleinern. Lenkt den Blick auf Winzigkeiten, die ich sonst nicht sehen würde. Lässt Zeit, zu betrachten und zu entdecken. Wie oft nehme ich mir schon die Zeit, um einen Wassertropfen beim Fallen zuzusehen? Nie, muss ich mir eingestehen. Ist das erste Mal jetzt. Denn selbst wenn ich mir Zeit nehme, komme ich selten „runter“. Mein Gehirn rattert beständig vor sich hin wie eine gut gepflegte Eisenbahn. Denke hier dran und denk daran. Vergiss dies nicht, erledige das noch schnell. Es ist ein ständiger Wettlauf mit der Zeit und die Zeit verliert immer. Nie ist genug da. Nie ist alles geschafft. Irgendetwas ist immer zu tun.

Kleine Dinge ganz groß

Verewigte Liebe am Meer

Wassertropfen im Nebel

Der Nebel verzaubert

Doch jetzt hier am Kai, umhüllt von Nebel und Stille, wird mein Kopf plötzlich leise. Die Gedanken verflüchtigen sich im Nebel und rattern nicht mehr lautstark herum. Ich nehme wahr und ich „bin“. Das entspannt mich herrlich.

Eingehüllt im Nebel verflüchtigen sich Zeit und Raum und jedes winzige Detail wird plötzlich groß.

Der pralle Wassertropfen, das filigrane Spinnennetz, die geschwungenen Namen der Verliebten auf den Liebesschlössern. Ich atme tief den salzigen Duft des Meeres und betrachte alles in Ruhe. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmt mich. Ich liebe es jeden Tag aufs Neue, am Meer zu leben und solche Momente genießen zu können. Es gibt mir Energie, neuen Mut und Kraft. Beschwingt mache ich mich auf den Weg, zurück nach Hause. Die Denkpause hat gut getan, die Gedanken fahren nicht mehr Kreisverkehr.

Schiffe im Nebel

Die Schiffe sind kaum zu erkennen

Er hat sich gelohnt, dieser spontane Trip runter zum Hafen. Kurz die eigene Bequemlichkeit zu überwinden und raus zu gehen, obwohl es draußen fies und kalt ist. Der Nebel hat sich an diesem Tag noch ziemlich lange gehalten, meine frisch gewonnene Energie noch länger.

Hast Du auch Orte, die Dir neue Energie geben? Erzähl mir doch von Deinen Lieblingsorten in einem Kommentar. Ich freu‘ mich auf Dich.

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1 Kommentare

  1. Abend Heidi!
    Gerade brauchte ich eine kleine Pause und hab mich bei dir eingeloggt gg.
    Schön wie immer, nimmt man sich die Zeit ( und das tu ich generell ) kann man sich bei diesem Artikel kurz ausklinken … klasse!

    Tolle Momente die du Bildlich festgehalten hast verstärken mein Gefühl noch dazu. Mag ich.

    Deine Frage welch Ort mir zb. neue Energie gibt? ICH bin ein Wasser-Mensch.
    Überall wo Wasser ist, fühl ich mich wohl und kann ganz tief in mich einatmen… das rund um mich vergessen. Neue Ideen sammeln und zufrieden nach Hause wandern 🙂

    Im Sommer sitze ich gerne am Fluss und schreibe meine Notizen, Tagebuch oder Ideen die mir so in den Sinn kommen nieder. Herrlisch gg

    Würde ich da wohnen wo DU lebst … ICH wäre so Tiefenentspannt, daß es anderen auf die Nerven gehen würde :-))!

    Danke für die kurze „Auszeit“ die du mir geschenkt hast und wunderschönen Abend wünsch ich dir SANDRA

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